Antisemitismus-Diskurs in der Offenbach Post

Horst Schäfer – Mitglied des AK Aktives Gedenken – antwortet auf einen Leserbrief von Karl Reinhard an die Offenbach Post in dem dieser den Sinn und Wert von Antisemitismus-Institutionen und von Gedenkstätten und Stolpersteinen zu relativieren versucht. Inzwischen fand ein telefonischer Dialog zwischen Horst Schäfer und Herrn Reinhard statt und Herr Reinhard hat die Einladung zum nächsten Treffen des Arbeitskreises Aktives Gedenken angenommen. Hier werden wir das Gespräch mit Herrn Reinhard fortführen und eine Verständigung versuchen herbeizuführen.

Leserbrief zur Zuschrift von Herrn Karl Reinhard „Antisemitismus wächst mit Gaza-Gemetzel“ in der OP-Ausgabe vom 13.Juni 2026:

Ich lese mit Interesse und teilweise Verständnis Herrn Reinhards Appelle und Aufforderungen zu moralischem Handeln von Politikern in ausgewählten Themen, aber auch zu Haltungen im politischen Diskurs. In der OP-Ausgabe setzt er sich mit den Gründen des Wachsens des Antisemitismus in Deutschland seit 2 Jahren auseinander. Dabei nennt er als Hauptgrund das „Gaza-Gemetzel“. Er kritisiert dabei zu Recht die Unverhältnismäßigkeit der militärischen Maßnahmen der mit rechtskräftig verurteilten Straftätern besetzten israelischen Regierung. Mit dieser Kritik stimmt er zu Recht überein mit israelischen Intellektuellen wie z.B. Michel Friedman, Michael Wolffsohn und Micha Brumlik sel. Aber zieht diese Kritik die deutschen Staatsraison in Zweifel, dauerhaft historische Verantwortung für den Holocaust zu tragen? Oder ist es eher ein unverantwortliches Aufrechnen von Opferzahlen? Der Versuch, die eigene Haltung mit getöteten palästinensischen Kindern zu emotionalisieren, ist jedenfalls kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland.

Gänzlich zweifelhaft wird Herr Reinhard dann aber mit seinem In-Zweifel-Ziehen des Sinns und des Wertes der Antisemitismus-Beauftragten, der Gedenkstätten und gar der Stolpersteine für den Kampf gegen Judenfeindlichkeit. Er fegt mit diesem Zweifel über die Grundlagen des demokratischen deutschen Rechtsstaats hinweg. Die BRD ist 1949 in willentlicher Abkehr von NS-Gewaltherrschaft und Holocaust gegründet worden. Solches soll von deutschem Boden nie wieder ausgehen. Dem stimmt gewiss auch Herr Reinhard zu. Ihm ist darüber hinaus auch zuzustimmen, dass deutsche Politik keine nationalistische imperialistische Politik in fremden Ländern fördern oder unterstützen darf. Auch nicht in Israel.

Historisch steht fest, dass die Gründung des Staates Israel – und auch der UN-Menschenrechtskonvention – jeweils im Jahre 1948 Folgen der NS-Gewaltpolitik und des Holocaust waren. Juden aus aller Welt sollen und müssen zu ihrem Schutze ein eigenes selbstverwaltetes Staatsgebiet besitzen. Sie müssen auch und gerade in Deutschland frei von Verfolgungsängsten leben dürfen. Nun ist es aber das erklärte Ziel vieler arabischer Staaten und auch einzelner muslimischer Gruppen, diesen Staat Israel auszulöschen und alle Juden aus dem vorderen Orient zu vertreiben. Ein Versuch, dieses Ziel und diesen politischen Plan umzusetzen war das Massaker vom 7.Oktober 2023. Es ist leicht ersichtlich, auf welch ethischen Boden diejenigen stehen, die die Toten auf beiden Seiten des Gaza-Kriegs als relativierende rhetorische Vergleichsmasse einsetzen unter dem Motto: es seien ja nur etwas mehr als 1000 Juden ermordet worden. Zynischer geht nicht. Eine solche Vernichtungsabsicht hat man der Regierung Netanjahu jedenfalls in den ersten Monaten nach ihrem militärischen Eingreifen nicht nachsagen können. Da ging es – völkerrechtmäßig – um die Befreiung der israelischen Geiseln. Inzwischen sind aber die Methodik und die angewandten militärischen Maßnahmen der Regierung Netanjahu so perfide, grob und unverhältnismäßig, dass sie über das Kriegsziel der Befreiung der Geiseln hinausgehen. Diese sachliche Erkenntnis braucht keine emotionalen Stützen, etwa mit dem Hinweis auf palästinensische Kinder. Emotionale Rücksicht hat sich auch die Hamas am 7. Oktober 2023 nicht genommen.

Wenn Herr Reinhard den Sinn und Wert von Gedenkstätten und Stolpersteinen für den Kampf gegen Antisemitismus in Frage stellt, verkennt oder verdreht er aber insbesondere den Hintergrund dieser Gedenkorte. Auch und insbesondere Stolpersteine sind zunächst auf die erinnerungskulturelle Vergangenheit vor Ort gerichtet. Sie sollen den NS-Opfern Gesicht und Würde zurückgeben und historisches Wissen und Bewusstsein fördern oder wecken. Diesen Sinn und Wert von Stolpersteinen zu bezweifeln oder zu leugnen, würde die NS-Opfer ein weiteres Mal entehren und entrechten. Und wenn Stolpersteine weiterhin daran erinnern, wie es historisch zur NS-Gewaltherrschaft gekommen war, ist auch dies ein historisch und gesellschaftspolitisch sehr wichtiges Anliegen.

Hat Herr Reinhard mit seiner Rhetorik-Melange am Ende politische Moral im Umgang mit Israel decouvriert oder eher Politikverdrossenheit und auch Antisemitismus geschichtsvergessener, populistisch denkender Wähler befördert? Oder gar beides?

Ich bin froh, dass es Haltungen zu dieser Frage wie die des Journalisten Frank Sommer gibt.

Herr Reinhard ist hiermit höflich eingeladen, anlässlich der Reichspogromnacht am nächsten Rundgang zu den Stolpersteinen in der Dietzenbacher Altstadt teilzunehmen.

Horst Schäfer, Mitglied des Arbeitskreises Aktives Gedenken Dietzenbach,

Dietzenbach, am 16. Juli 2026